Schnupperkurs

Für all diejenigen unter uns, die sich noch nicht fünfzig Jahre ihres Lebens mit Typografie beschäftigt haben, hier ein geführter Rundgang durch die Schönheiten des Seemanns.

 

 


1928 – die Futura, eine Avantgardistin ihrer Zeit

Wie sah beispielsweise die Futura von Paul Renner, ein moderner Klassiker, im Original aus? Der magere Schnitt ist 1928 zusammen mit dem halbfetten erschienen, wobei er hier noch mit den später verworfenen alternativen Glyphen daherkommt. Das sieht man, wenn man Futura bei Schriftname und 1928 bei Jahr eingibt:

 

 



Futura mager, 1928, Bauersche Gießerei

 

 



Futura halbfett, 1928, Bauersche Gießerei

 

 

1932 kommt die Futura Buchschrift heraus. Damit sind später tatsächlich ganze Bücher gesetzt worden:

 

 



Futura Buchschrift, 1932, Bauersche Gießerei

 

 

Und wie sieht nun die ganze, originale Familie aus? Dazu das Suchergebnis ein wenig „nachfiltern“. In der Suchmaske bei Hersteller zusätzlich noch Bauer eingeben. Damit erscheint die gesamte Familie, der letzte von Renner noch 1957 hinzugefügte Schnitt ist die Steile Futura mager. Das sind alles Bleisatzschriften gewesen. 1929 schon erscheint die für ihre Zeit gewagte Futura Black, die auch diesen (englischen) Namen schon hatte. Die Kursive wurde mit „schräg“ bezeichnet und es gab eine „dreiviertelfette“. Hier die Futura Black:

 

 



Futura Black, 1929, Bauersche Gießerei

 

 


Tristan und Isolde – Typo in des Kaisers Zeiten

Die Vorherrschaft der Gebrochenen Schriften war damals noch unangefochten. Zeitungen und Bücher wurden in Schwabacher und Fraktur gesetzt. Im Seemann selbst ist das Kapitel Frakturschriften eines der umfangreichsten. Aber natürlich gab es auch eine große Zahl an Zier- und Schmuckschriften, wie etwa die beiden Protagonisten der Überschrift. Der Seemann enthält eine reichhaltige Auswahl an gebrochenen Schriften, zu finden mit der Auswahl „DIN 16518“ und „X | Gebrochene Schriften“.

Schriften aus der Zeit Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts erscheinen aus heutiger Sicht eher zurückhaltend, teils gar verkitscht und schnörkelig, wie die Kirchen-Gotisch von AG für Schriftguß aus Offenbach. Namen wie Deutsche Kraft kommen schon 1915 vor. Die Eckmann, die vielleicht charakteristischste Jugendstil-Ausformung überhaupt, erscheint 1900 bei Gebr. Klingspor, Offenbach.

 

 



Kirchen-Gotisch, 19xx, AG für Schriftguß

 

 



Tristan, 1914, von Albert Auspurg, Gießerei Julius Klinkhardt

 

 



Isolde halbfett, 1914, Gießerei Julius Klinkhardt

 

 

Ebenso blumige wie fantasievolle Namen tauchen hier auf. Wie sah beispielsweise die Siegfried aus, wie die Mercedes, die Fantasia?

 

 



Siegfried, 1902, Gießerei Wilhelm Woellmer

 

 



Mercedes, 1905, Gießerei Wilhelm Woellmer

 

 



Fantasia, vor 1900, Gießerei Wilhelm Woellmer

 

 


Die Typo der Zwanziger

Zwischen den beiden Weltkriegen blühte in Deutschland eine sehr lebhafte typografische Kultur auf, bis hin zu den exzentrischen Arbeiten der Dadaisten. Nach der Inflation fand eine starke – heute würde man sagen: „Marktbereinigung“ – statt, was viele Übernahmen unter den Gießereien bedeutete. Serifenlose Schriften fassten Fuß vor allem in Überschriften und der Werbung. In Berlin bringt Louis Oppenheim bereits 1914 die Lo-Schrift heraus. 1926 kommen zur mageren, kursiven und fetten eine halbfette und die magere hinzu. Nach dem fulminaten Erfolg des visionären Filmes „Metropolis“ von Fritz Lang erscheint 1928 eine Schrift gleichen Namens bei der D. Stempel AG in Frankfurt am Main, geschnitten von Willy Schwerdtner. Ebenfalls bei der Stempel AG erscheint 1925 die Stempel Garamond, eine Schrift, die das Aussehen der Garamond-Interpretationen lange Zeit beeinflussen sollte.

 

 



Lo-Schrift halbfett, 1926, H. Berthold AG

 

 



Metropolis, hohe, 1928, D. Stempel AG

 

 



Stempel Garamond, 1925, D. Stempel AG

 

 


Die Dreißiger

In der Zeit des deutschen Faschismus entstanden neben dem ganz normalen Schriftgebrauch sehr restringierte Varianten der gotischen Schriften, die in den Augen Hans-Peter Willbergs mit einer gewissen Brutalität daherkommen. Von den Setzern wurden sie seinerzeit wegen ihres martialischen Aussehens „Schaftstiefelgrotesk“ genannt. Hier sind etwa die National oder die Großdeutsch zu nennen.

 

 



National, 1933, Ludwig & Mayer

 

 



Großdeutsch, 1935, Schelter & Giesecke

 

 

1939 erscheint der siebte und letzte Nachtrag zum „Handbuch der Schriftarten“. Wie die Grafik zeigt, hat sich das Schriftschaffen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sehr viel langsamer wieder erholt als nach dem Ersten.